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"Forschungen zum Kloster Walkenried – Archäologie und Geophysik"
in der Denkmalpflege 1/2022
von Markus C. Blaich und Clemens Ludwig

"Forschungen zum Kloster Walkenried – 3-D-Vermessung und Bauforschung"
in der Denkmalpflege 1/2022
von Florence Fischer / Christian Seitz / Clemens Ludwig

"Kloster Walkenried - das älteste Zisterzienserkloster Norddeutschlands und sein Umland"
erschienen in der Denkmalpflege 2/2022
von Marcus C. Blaich

Auf den Spuren des Gründungsklosters?

Der Artikel ist in der Herbstausgabe 2021 des VIER VIERTEL KULTS erschienen, der Vierteljahreszeitschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Sie können die vollständige Ausgabe hier nachlesen.

von Markus Blaich

Forschungsprojekt des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege mit neuen Ausgrabungen zum um 1130 entstandenen Vorgängerbaus in Walkenried

Das Kloster Walkenried rückte in den 1970er-Jahren in den Fokus der Forschung. Im Zuge einer umfangreichen Sanierungs- und Instandsetzungsmaßnahme führte das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD) in den 1970er- bis 1990er-Jahren umfangreiche Ausgrabungen durch. Ein aktuell auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt des NLD setzt darauf auf: Die Auswertung der Altgrabungen wird mit den vorliegenden Ergebnissen der Bauforschung verbunden und darauf aufbauend werden durch minimalinvasive Sondagegrabungen sowie durch weitere Forschungen am Gebäude bislang noch offene Fragen geklärt. Die Finanzierung des Projekts wird ermöglicht durch die Förderung aus dem Programm PRO*Niedersachsen. Einen namhaften Beitrag leistet zudem die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz.
 

Universitäten als Projektpartner

Projektpartner sind die Hochschule Hildesheim und die Universitäten Hannover, Göttingen sowie Heidelberg. Bis zu zehn Studierende der genannten Hochschulen sind im Rahmen der akademischen Lehre oder über Abschlussarbeiten involviert. Darüber hinaus werden in Lehrveranstaltungen phasenweise größere Gruppen an Forschungsfragen und Aspekte der praktischen Denkmalpflege herangeführt. In die konkrete Umsetzung des Projekts sind vor Ort das ZisterzienserMuseum Walkenried/Stiftung Welterbe im Harz und die evangelische Kirchengemeinde St. Maria und Martini eingebunden.

Im Rahmen des Forschungsprojekts finden seit 2019 jeweils mehrwöchige Ausgrabungen auf dem Klostergelände statt. Diese gehen vor allem verschiedenen Fragen zum romanischen Baubestand nach. Eine zentrale Rolle nahm der romanische Vorgängerbau (1137 geweiht) der heute noch in Ruinen erhaltenen gotischen Abteikirche ein. Gemäß der herkömmlichen Grundrissrekonstruktion handelte es sich bei dem ersten Sakralbau des Klosters um eine gut 50 Meter lange Basilika mit Hauptapsis und gestaffelten Seitenkapellen. Bei den Ausgrabungen im Lesegang (nördlicher Kreuzgang) und im südlichen Querhaus der gotischen Kirche wurden während der umfangreichen Sanierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen (1978–1992) zahlreiche Baustrukturen der romanischen Vorgängeranlage dokumentiert. Dabei waren auch Beobachtungen zur Baugestalt und Abfolge der Kapellenräume möglich, deren Überreste sich trotz der massiven Bodeneingriffe durch den gotischen Neubau zum Teil noch bis zur ersten Steinlage des aufgehenden Mauerwerks erhalten hatten.
 

Drei Ausgrabungsflächen untersucht

Vor diesem Hintergrund und im Hinblick auf die im Rahmen des Projekts angestrebte Rekonstruktion der romanischen Klosteranlage sollte durch kleine Sondagegrabungen geklärt werden, ob heute noch Baustrukturen des Gründungsklosters beziehungsweise der romanischen Bauphase erhalten sind.

Im Zuge der Ausgrabung 2019/20 wurden etwa 50 Quadratmeter, aufgeteilt auf drei Ausgrabungsflächen, untersucht. Die Lage und Größe der Untersuchungsbereiche wurden dabei maßgeblich durch den bekannten Bauphasenplan bestimmt.

Den wichtigsten Befund der Ausgrabung stellte ein mächtiger, zweischaliger Mauerbefund dar. Er bestand aus überwiegend grob behauenen Blöcken ortstypischen Steinmaterials. Gelegentlich fanden sich auch besser bearbeitete Kleinquader und Steine mit anhaftenden Resten von Wandputz. Durch den Abgleich mit neuen, durch Drohnen erstellten Luftbildern lässt sich der Befund als Streifenfundament für die nördliche Arkadenreihe des gotischen Langhauses interpretieren. 

Gotisches Streifenfundament erfasst

In einer weiteren Fläche wurde ebenfalls das gotische Streifenfundament erfasst. Dabei gelang die Dokumentation eines bemerkenswerten Befunds: Oberhalb des Fundaments befand sich eine Mörtelschicht, die wohl zum Höhenausausgleich für das aufgehende Mauerwerk dienen sollte. In der Schicht konnten kreuzförmig angeordnete Eindrücke erkannt werden, die nach dem rekonstruierten Kirchengrundriss wahrscheinlich mit einem Pfeilerstandort im Zusammenhang stehen dürften: Es könnte sich um die Spuren von Großquadern handeln, die als Unterlage für die Pfeilerbasis auf die Ausgleichsschicht gesetzt wurden.

Im Hinblick auf die Frage nach dem romanischen Baubestand war die Ausgrabung 2020 mit einer wichtigen Erkenntnis verbunden: Die nach dem Bauphasenplan in diesem Bereich rekonstruierten Mauerverläufe der romanischen Kirche existieren, zumindest in den ausgegrabenen Flächen, nicht mehr. Offenbar wurde bei der Errichtung der gotischen Kirche, anders als im Kreuzgang, zunächst der romanische Vorgängerbau vollständig abgerissen. Darauf deutet auch eine entdeckte Ausbruchgrube im Zusammenhang mit dem Abriss der ursprünglichen romanischen Kirche hin. Die Fundamente des ehemaligen Sakralbaus scheinen also bis auf wenige Reste vollkommen ausgebrochen und entfernt worden zu sein, wahrscheinlich, um sie im gotischen Bau wiederzuverwenden.
 

Wichtige neue Erkenntnisse

Vor allem die Ausgrabung im Sommer 2020 hat wichtige neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des ehemaligen Klosters erbracht. Erstmals konnte nachgewiesen werden, dass die Arkadenpfeiler des späteren gotischen Langhauses auf Streifenfundamenten ruhten. Für ihre Errichtung wurde – wenigstens teilweise – auf Baumaterial der romanischen Vorgängeranlage zurückgegriffen, wie im Mauerwerk verbaute Spolien eindrücklich belegen.

Sollte die Interpretation der kreuzförmigen Eindrücke als Kantennegative von Steinen zutreffen, handelte es sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein Fundament aus mehreren Großquadern. Verknüpft man die Beobachtungen aus den aktuell untersuchten Teilflächen, so lassen sich beinahe alle Abschnitte der Geschichte von Kloster Walkenried fassen: Bau der romanischen Kirche (um 1130), deren Abriss und Neubau der gotischen Kirche an gleicher Stelle (um 1200) sowie der Abbruch der Pfeiler nach den Zerstörungen im Bauernkrieg (1525) – ein faszinierendes Ergebnis!


Zitat: Verknüpft man die Beobachtungen aus den aktuell untersuchten Teilflächen, so lassen sich beinahe alle Abschnitte der Geschichte von Kloster Walkenried fassen.

Dr. Markus C. Blaich ist Leiter des Forschungsprojekts Walkenried des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege. Der Text entstand unter Mitwirkung von Clemens Ludwig.

Foto 1: Kloster Walkenried, Ansicht von Nordwesten. Foto: SBK

Foto 2: Senkrechtaufnahme des Kreuzgangs und Kirchenruine (Bildmitte) mit den rekonstruierten Fundamenten (Sommer 2020). Die drei Grabungsflächen 2019/20 lagen in der Mitte des Kirchenschiffs. Foto: NLD/C. Seitz

Foto 3: Blick auf eine Grabungsfläche 2020. Foto: NLD/C. Ludwig

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